Mehr Raum für Käfer

Nahaufnahme eines Hirschkäfers

16.06.2022

Das Insektensterben hat weltweit gravierende Ausmasse erreicht. Eine Studie aus Deutschland zeigt, dass die Biomasse von Fluginsekten innert 26 Jahren um mehr als 75% zurückgegangen ist. Auch in der Schweiz sind rund 60% der Insektenarten bedroht, wie die Schweizerischen Roten Listen1) zeigen.

Käferförderung am Beispiel Nashornkäfer und Hirschkäfer

Die Situation in Bern widerspiegelt diese Entwicklung: vor knapp hundert Jahren waren Nashornkäfer, Hirschkäfer, Heldbock und andere imposante Brummer noch heimisch. Heute sind sie verschwunden und kommen ohne Hilfe nicht wieder zurück. Dies deshalb, weil sie eher schlechte Flieger sind und sich nur über kurze Strecken selbständig ausbreiten. Die drei genannten Arten leben in alten Baumhöhlen, in verpilzten Baumstämmen oder in grossen Holzschnitzelhaufen. Diverse andere Käferarten sind zwar ab und zu noch anzutreffen, gelten aber als selten. Sie alle haben spezielle Ansprüche an ihren Lebensraum, benötigen als Nahrung beispielsweise nur Linden- oder Eichenholz, brauchen tellerförmige, einheimische Blüten für die Eireifung oder eine bestimmte Krautart für die Entwicklung von der Larve zum ausgewachsenen Käfer.

Der Rückgang der Holzkäfer ist exemplarisch für das eingangs erwähnte Insektensterben. Der Verlust geschah und geschieht schleichend und ist bei weitem nicht nur dem Einsatz von Pestiziden geschuldet. Eigentlich böte der Siedlungsraum den holzbewohnenden Käfern einen guten Lebensraum: Alte, gut besonnte Bäume mit toten Ästen, Höhlen oder Wurzeln von Weiden entlang der Aare sind das Substrat, in dem sich diese Insekten wohlfühlen. Trotzdem sind sie im Raum Bern ausgestorben – wegen Bautätigkeit, der Verinselung (grosse Distanzen zwischen noch existierenden Populationen) und unseren Ansprüchen an Sicherheit, Ordnung und Ästhetik.

Nahaufnahme eines Nashornkäfers
Nahaufnahme eines Hirschkäfers

Die grösste Käferausstellung auf kleinstem Raum

«Ohne Mistkäfer würden wir im Kot versinken». So vielfältig Käfer sind, so vielfältig sind die Funktionen, die sie ausüben. Vom Mist verarbeiten über Abbau von Totholz, Bestäubung von Pflanzen, Beitrag zur Entsiegelung von Böden bis zum Glück, dass der Marienkäfer bringt. Der Schluss liegt nahe: Ohne Käfer geht gar nichts mehr. Doch viele Käferarten sind stark bedroht, ihre Lebensräume verschwinden zunehmend, auch im Raum Bern.
Der Tierpark engagiert sich seit Herbst 2021 auf vielfältige Weise für mehr Raum für Käfer. Neben der Zucht und dem Aufwerten von Lebensräumen ist die Sensibilisierung für die Vielfalt der Käfer ein wichtiger Bestandteil des Engagements des Tierparks für Mehr Raum für Käfer. Seit heute steht neben dem Käfer-Treff im Dählhölzli-Zoo ein sogenanntes Käfermobil, eine grosse Käferausstellung auf kleinstem Raum. In und auf diesem findet ihr spannende und unglaubliche Informationen zu Käfern, ihrer Vielfalt, ihrer Biologie, ihren Anpassungen, ihren Ökosystem-Leistungen.

Das Käfermobil regt Besucherinnen und Besucher aller Altersgruppen zum Erforschen, Staunen und Handeln an. Die Mobiliar sponsert das Käfermobil und betont damit ihr Engagement für Mensch, Tier und Natur. So leistete die Mobiliar Gesellschaft kürzlich auch eine Anschubfinanzierung für den neu eingeführten Natur- und Artenschutzfonds des Tierpark Bern.

Gemeinsam für einheimische Käfer

In vielen Städten hat in den letzten Jahren ein Umdenken stattgefunden und die Natur erobert ihren Platz zurück: In Parks, Friedhöfen, an Böschungen und in Privatgärten darf wieder etwas Unordnung herrschen, ein «Unkraut» wachsen und ein Holzhaufen verrotten. Die Stadt Bern setzt explizit auf Aufwertungen und Fördermassnahmen auf öffentlichen Flächen, um die Biodiversität zu erhöhen. Mit diesem Ziel vor Augen haben sich der Tierpark Bern, Stadtgrün Bern und das Naturhistorische Museum zusammengespannt. Unsere Vision: von der Lorraine bis zur Elfenau mit Hotspot im Dählhölzli sollen die Lebensräume für seltene Käfer entlang der Aare aufgewertet werden2).

Der Tierpark Bern

Im Tierpark Bern werden unter der fachkundigen und wissenschaftlichen Begleitung von Käferexperten die seltenen Holzkäfer gezüchtet. Auf dem Areal des Tierparks entsteht ein sogenannter Vorzeige «Käfer-Treff», welcher für die Lebensbedingungen der Käfer und einfache Fördermassnahmen im Privatgarten sensibilisiert.

Stadtgrün Bern

Stadtgrün Bern schafft mit weiteren Käfer-Treffs neue Lebensräume für seltene Käfer auf öffentlichen Flächen im gesamten Aareraum der Stadt Bern. Mit Hilfe des Baumkompetenzzentrums werden zudem von seltenen Käfern bewohnte Bäume erfasst und wo immer möglich erhalten.

Naturhistorisches Museum Bern

Das Naturhistorische Museum eröffnet im Herbst 2023 eine Sonderausstellung zum Thema Insektensterben. Zudem stellt das Museum mit seinen sechs Millionen Objekten in der Sammlung ein wichtiges Archiv des Lebens dar. Die Sammlung zeigt unter anderem auf, dass die Biodiversität rund um Bern in der Vergangenheit viel grösser war.

Helfen Sie mit – Citizen Science

Auch die Berner Bevölkerung kann einiges zum Gelingen des Projekts beitragen. Nebst einfachen Fördermassnahmen im Privatgarten wie dem Pflanzen von wichtigen Käfernahrungspflanzen oder dem Stehenlassen von abgesägten Baumstämmen, können freiwillige Personen mithelfen, seltene Käferarten im Raum Bern aufzuspüren. So können noch vorhandene Vorkommen von gefährdeten Arten besser geschützt und gefördert werden. Interessierte können sich für die dafür nötige Einführung in die Käferbestimmung im Tierpark melden. Denn zusammen können wir einen Unterschied machen.

1) Rote Listen sind anerkannte wissenschaftliche Gutachten, in denen der Gefährdungsgrad von Arten dargestellt ist. Sie werden in der Schweiz im Auftrag des BAFU von Fachpersonen erstellt.
2) Siehe auch Rahmenstrategie Nachhaltige Entwicklung der Stadt Bern, HSP 2

Dieses Projekt wird von der Stiftung Artenschutz und vom Kanton Bern mitfinanziert.

2023
Juni 2023
Nahaufnahme vom Käfermobil im Tierpark Bern

Das Käfermobil regt Besucherinnen und Besucher aller Altersgruppen zum Erforschen, Staunen und Handeln an. Die Mobiliar sponsert das Käfermobil und betont damit ihr Engagement für Mensch, Tier und Natur.

2022
Juni 2022
Nahaufnahme eines Hirschkäfers

Mitte Juni konnte der Tierpark einige Hirschkäfer beim Walensee sammeln. Diese werden nun im Tierpark für die Zucht gehalten.

Juni 2022
Nahaufnahme von Larven des Marmorierten Rosenkäfers

Die im November 2021 geretteten Mormorierten Rosenkäfer haben sich im Frühjahr 2022 vermehrt. Zehn Tage später sind nun die Larven geschlüpft.

Mai 2022
Ein Mann gräbt Pilzhölzer ein

Die Holzrugel werden, nachdem das Holz mit Mycel durchwachsen ist, zu 2/3 vergraben. Am herausstehenden Drittel-Ende werden bald hoffentlich viele Austernseitlinge wachsen, die wir im neuen Eulen Bistro als Gericht für unsere Gäste anbieten können. Sobald das Holz vom Pilz aufgebraucht ist (man rechnet mit einem Pilzertrag von rund einem Drittel des Holzgewichtes), ist das Holz «gar» für holzverzehrende Käferlarven.

März 2022
Kiste mit Holzspäne

Vorbereiten der Substrate für die Käferzucht. «Kinshi» und «Flake Soil» werden mit lebenden Pilzen beimpft oder fermentiert.

2021
November 2021
Zwei Finger halten eine Larve

Um diesen Dählhölzli -Käfer-Treff besiedeln zu können, braucht es Käfer. Zu diesem Zweck wurde das ehemalige Treibhaus beim Vivarium zu einer Käferzucht umgebaut. Einerseits leben die Tiere dort unter 1:1 Aussenbedingungen (im Sommer warm und im Winter kalt), die Tiere sind aber vor Austrocknung und zu tiefen Temperaturen geschützt. Aktuell entwickeln sich dort 10 Nashornkäferlarven zu adulten Käfern.

Aus einem Baumstamm, der kurz darauf geschreddert wurde, konnten neun der sehr seltenen Marmorierten Rosenkäfer gerettet werden. Auch sie leben in dem ehemaligen Treibhaus in eigens eingerichteten Zuchtterrarien in der Hoffnung, dass sie sich vermehren.

Oktober 2021
Tierpfleger impft einen Stamm

Einrichten des Vorzeige «Käfer-Treffs» im Dählhölzli-Zoo. Käfer-Treffs sind Standorte, an welchen sich einerseits Käfer mit Käfern und andererseits Menschen mit Käfern treffen sollen. Diese Käfer-Treffs sind so gestaltet, dass sie sowohl für Holzkäfer als auch für andere Käfer, die auf bestimmte Krautarten angewiesen sind, einen idealen Lebensraum bieten. Der Vorzeige-Käfer-Treff, der als Beispiel dient, wie solche Förderungsmassnahmen aussehen können, steht im Dählhölzli-Zoo. Dort wurde eine breite Palette an möglichen Substraten vorbereitet, die später idealerweise von Käfern besiedelt werden. Dazu gehören liegende und stehende modrige Baumstrünke, Schnitzel- und Asthaufen und ein grosser Kompost. Weiter wurden rund 80 sogenannte Pilzhölzer vergraben: dies sind Holzrugel, in welche rundherum mit Pilzmycel infizierte Dübeln gehämmert wurden. Die Idee dieser Pilzdübel ist, dass der Pilz das Holz so schneller durchdringt, damit sich schneller weissfaules Holz entwickeln kann, welches dann die Käferlarven fressen.

Der einzige bekannte Standort in der ganzen Schweiz, wo noch Nashornkäfer (Oryctes nasicornis) vorkommen: ein Spielplatz in Kleinbasel.

Schaukeln auf einem Spielplatz für Kinder
Spielplatz für Kinder umgeben von Bäumen
Projektziel

  • Förderung von gefährdeten Käferarten auf dem Areal des Tierpark Bern
  • die Etablierung einer Population von Nashornkäfern (Oryctes nasicornis); später auch Hirschkäfer (Lucanus cervus) auf Berner Stadtgebiet und /oder Stärkung der Ausgangspopulationen durch Nachzuchttiere
  • Sensibilisierung der Bevölkerung und Anregung zum eigenen Handeln (z.B. in Privatgärten)
  • Erstellung eines Aktionsplans für die Stadt Bern, mit Hilfe der im Projekt gesammelten Erfahrungen und den Erkenntnissen aus den Gesamtprojekt

Geplante Aktivitäten

  • Zucht von Nashornkäfer und Hirschkäfer im Tierpark Bern
  • Aufwerten von ausgewählten Arealen innerhalb des Dählhölzli-Zoo im Tierpark Bern zum Käfer-Treff und evtl. erste Besiedlung durch Käferlarven
  • Informations- und Sensibilisierungsangebote, u.a. Einrichtung eines Käfer-Treffs, Themenführungen, Angebote für Lehrer und ein Erlebnis-Schulkurs zu den Insekten allgemein (inkl. Insektensterben) und den Käfern
  • Mitarbeit im übergeordneten Aktionsplan

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