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Mehr Raum für Wildbienen

Dunkelgrüne Schmalbiene
Foto: Yannick Schauwecker, Kompass B

19.05.2026

71 Wildbienenarten auf einem halben Fussballfeld – der Tierpark Bern als Hotspot für Biodiversität

Wer durch den Tierpark spaziert, denkt vielleicht zuerst an Wölfe, Seehunde oder Bären. Dass es dabei im Tierpark gleichzeitig summt und brummt, ist weniger offensichtlich – aber mindestens genauso faszinierend. Der Tierpark hat dafür gezielt Voraussetzungen geschaffen: Mit Kiesbetten, Totholz und Wildkräutern wurde eine Ruderalfläche im Inneren des Dählhölzli-Zoos so aufgewertet, dass sie für Wildbienen zum echten Zuhause wird.

Ein wissenschaftliches Monitoring, das wir in den Jahren 2023 und 2025 bei Kompass B in Auftrag gegeben haben, bringt es schwarz auf weiss: Auf einer Gesamtfläche von gerade einmal 630 Quadratmetern – das entspricht etwa einem halben Fussballfeld – wurden insgesamt 71 verschiedene Wildbienenarten nachgewiesen.

Rosen-Blattschneiderbiene (Foto Yannick Schauwecker, Kompass B)

Was sind Wildbienen überhaupt?

Wenn wir von Bienen sprechen, denken die meisten an die Honigbiene. Dabei gibt es in der Schweiz über 600 Wildbienenarten – von der winzigen Zwergbiene bis zur imposanten Holzbiene. Anders als die Honigbiene leben die meisten von ihnen solitär: Jedes Weibchen baut sein eigenes Nest, legt Eier und versorgt seinen Nachwuchs allein.

Wildbienen sind unersetzliche Bestäuberinnen für Wildpflanzen und Kulturpflanzen – und gleichzeitig empfindliche Zeiger für die Qualität eines Lebensraums. Wo viele verschiedene Wildbienenarten vorkommen, stimmt die Mischung: ausreichend Blüten zum Fressen, geeignete Strukturen zum Nisten, ein gutes Mikroklima.

Garten-Blattschneiderbiene (Foto Yannick Schauwecker, Kompass B)
Grosse Holzbiene

Ein kleiner Ort mit grosser Wirkung

Die untersuchten Flächen im Tierpark sind sogenannte Ruderalflächen – sonnige, strukturreiche Bereiche mit offenen Bodenstellen, lückiger Vegetation, Kies, Totholz und Wildstauden. Genau das, was Wildbienen brauchen.

Das Ergebnis ist bemerkenswert: 71 Arten auf 630 Quadratmetern. Was diese Zahl so eindrücklich macht, ist nicht nur ihre Grösse, sondern der Raum, auf dem sie zustande kommt. Vergleichbare Artenvielfalt findet man sonst auf Flächen, die ein Vielfaches davon umfassen. Der Tierpark Bern ist damit kein grossflächiges Naturreservat, sondern ein kompakter, aber ökologisch hochwirksamer Hotspot mitten in der Stadt – ein Beleg dafür, dass es bei Biodiversität weniger auf die Grösse einer Fläche ankommt als auf ihre Qualität.

Auch seltene Arten fühlen sich wohl

Besonders erfreulich: Unter den nachgewiesenen Arten sind nicht nur häufige Generalisten, die überall vorkommen. Das Monitoring dokumentierte auch mehrere Arten, die auf der Roten Liste der Schweiz als gefährdet oder potenziell gefährdet eingestuft sind.

Darunter die Gestreifte Steilwand-Schmalbiene (Lasioglossum limbellum), eine als «verletzlich» (VU) eingestufte Art, die sehr spezielle Ansprüche stellt: Sie nistet ausschliesslich in senkrechten Sand- oder Lösswänden und ist national prioritär. Ihr Nachweis zeigt, dass der Tierpark zumindest kleinräumig genau die richtigen Bedingungen bietet – gut besonnte Erdstrukturen, die viele andere Flächen längst verloren haben.

Dass solche anspruchsvollen Arten hier leben, ist fachlich wertvoller als jede blosse Artenzahl. Es zeigt: Die Flächen sind nicht nur schön bunt, sondern ökologisch wirklich wertvoll.

Noch mehr Lebensraum

2024 haben wir zusätzlich eine neue, stark besonnte Blumenwiese bei den Bienenfresser geschaffen – rund 280 Quadratmeter, bewusst offen und trocken gestaltet. Bereits im ersten Erhebungsjahr 2025 hat diese Ergänzung gewirkt: Zusammen mit der bestehenden Blumenwiese bei den Seehunden kamen die Ruderalflächen auf 58 nachgewiesene Arten in einem einzigen Jahr.

Die neue Fläche ergänzt die bestehende nicht einfach additiv – sie bringt andere Qualitäten: stärkere Besonnung, offenere Bodenstruktur, andere Mikroklimazonen. Das lockt zusätzliche Arten an, insbesondere wärmeliebende Bodennister, die auf der beschatteten Blumenwiese Seehunde weniger geeignete Bedingungen finden.

Mehr Raum für Vielfalt – auch im Kleinen

Das Wildbienenmonitoring ist ein eindrücklicher Beleg dafür, was möglich ist – auch auf kleinstem Raum. Nicht spektakuläre Flächen, sondern gezielt gestaltete Strukturen machen den Unterschied: offene Bodenstellen, Totholz, Wildstauden, ein Mosaik aus Licht und Schatten.

Der Tierpark Bern zeigt, dass Naturschutz nicht nur in grossen Reservaten stattfindet. Er beginnt hier, zwischen den Tieranlagen und den Besucherwegen – mit einer erstaunlichen Wildbienendiversität auf einem halben Fussballfeld.

Das Monitoring wurde durch Kompass B GmbH (Zürich) durchgeführt. Die Artbestimmung erfolgte durch Dr. Andreas Müller

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