Wildmeerschweinchen neu im Tierpark

20.05.2026
Das eine lebt in menschlicher Obhut, das andere in fast unberührter Natur – und doch sind sie nah verwandt: das Hausmeerschweinchen und das Wildmeerschweinchen. Worin unterscheiden sie sich, wie wurden sie genutzt – und was verrät uns ihr Vergleich über Jahrtausende der Domestikation?
Das Hausmeerschweinchen (Cavia porcellus) und das Wildmeerschweinchen (Cavia aperea) sehen sich auf den ersten Blick zum Verwechseln ähnlich – und doch trennen sie Jahrtausende der Domestikation und grundlegend verschiedene Lebenswelten. C. aperea lebt in Wäldern, Graslandschaften und Buschland Südamerikas: scheu, flink und stets auf der Hut vor Fressfeinden. C. porcellus hingegen ist weltweit in menschlicher Obhut zu Hause – als Haustier, als Labortier und bis heute als Nahrungsquelle in Südamerika. Beide Arten teilen denselben Ursprung, doch die Domestikation hat sie in Verhalten, Aussehen und Verwendung weit auseinandergetrieben.
Die Domestikation des Meerschweinchens ist älter als bisher vermutet – und sie verlief nicht geradlinig. Früheste archäologische Belege wilder Meerschweinchen aus den Ostanden Kolumbiens datieren auf rund 9000 v. Chr. Im zentralen Andenraum wurden Wildmeerschweinchen, wahrscheinlich der Art Cavia tschudii, zwischen 6000 und 2000 v. Chr. systematisch gezähmt und genutzt. Im Gegensatz zum scheuen Wildtier, das in Gruppen lebt und ständig flüchtet, eignete sich das zähmbare Hausmeerschweinchen ideal als Nahrungslieferant, Ritualtier und Heilmittel. Die andinen Völker verbreiteten es anschliessend weit über Südamerika hinaus.


Eine DNS-Studie aus dem Jahr 2020 bringt Überraschendes ans Licht: Alte Knochenreste aus dem kolumbianischen Hochland gehören genetisch nicht zu C. porcellus, sondern zu einer eigenständigen Art – wahrscheinlich C. anolaimae, einer einheimischen Wildform des Bogotá-Hochlandes. Das bedeutet: Meerschweinchen wurden in Kolumbien unabhängig von den Anden ein zweites Mal domestiziert – aus einer anderen Wildart, für dieselben Zwecke. Diese Parallelentwicklung zeigt, wie attraktiv das Wildmeerschweinchen als Nutztier war: Zwei voneinander unabhängige Kulturen kamen unabhängig zum selben Schluss.
Nach Europa gelangten Meerschweinchen im späten 15. Jahrhundert im Gepäck der spanischen Konquistadoren – ausschliesslich in domestizierter Form. Das scheue Wildmeerschweinchen blieb in Südamerika. In Europa wurden die Tiere zunächst als exotisches Luxushaustier am Adel gehalten, später als Versuchstier in der Medizin eingesetzt – ein Einsatz, der dem sanftmütigen, wenig fluchtfreudigen Haustier möglich war, dem Wildtier aber nicht. Die ältesten europäischen Funde stammen aus Mons in Belgien (um 1550–1640) und aus England (1574). Auch hier bestätigt die DNS-Analyse einen peruanischen Ursprung.

Das Wildmeerschweinchen C. aperea ist kein Haustier geworden – und das merkt man auf den ersten Blick. Es ist kleiner und schlanker als C. porcellus, trägt immer ein wildfarbiges, unauffälliges Fell und zeigt kaum Toleranz gegenüber Menschen. Es flüchtet sofort, meidet Berührung und lebt in klar strukturierten Gruppen mit ausgeprägten Revierverhalten. Das Hausmeerschweinchen hingegen hat durch die Domestikation viele dieser Verhaltensweisen abgelegt: Es ist weniger schreckhaft, hat die Fähigkeit sich zu wehren weitgehend verloren, toleriert menschliche Nähe und existiert in einer enormen Vielfalt von Fell- und Farbvarianten – vom lockigen Texel bis zum haarlosen Skinny. Das bedeutet aber nicht, dass es Kuscheltiere sind, was oft durch ihr ruhiges Wesen missverstanden wird.
Im Kinderzoo des Tierpark Bern sind beide Seiten dieser Geschichte zu erleben: das zutrauliche Hausmeerschweinchen als Kontakttier, und das scheue Wildmeerschweinchen als lebendiger Zeuge der ursprünglichen Natur.





