Überalterung im Tierpark?

20.12.2025
Die Wisentkuh nimmts gemächlich und verharrt noch lange auf dem Vorplatz, nachdem die Herde bereits in den Weiten der Anlage verschwunden ist. Der Wildschweinkeiler erhebt sich nur noch aus dem Strohbett, wenn ein besonderer Leckerbissen lockt. Die Gämsgeiss hat Mühe mit dem Fellwechsel und hat an Körpermasse eingebüsst.
Oft sind es subtile Zeichen des fortschreitenden Alters, welche die aufmerksamen Tierpfleger*innen registrieren. Die optimierte Haltung, die Fütterung und die verbesserte medizinische Versorgung führen dazu, dass Wildtiere in Menschenobhut oft älter werden als im Freileben. Mit unterstützenden Medikamenten und Phytotherapeutika können wir die Lebensqualität unserer Pfleglinge häufig verlängern. Immer wieder ist es am Schluss eine im Team gereifte Entscheidung, zu welchem Zeitpunkt die Tötung eines betagten Tieres erfolgt. Unser Ziel ist von Geburt bis zum Tod ein würdevolles Leben für unsere Tiere. Dieses jahrelange Begleiten macht die Tierpflege so wertvoll. Eine besondere Schwierigkeit bei den Wildtieren besteht darin, dass sie Meister im Kaschieren chronischer Schmerzen sind. Sie wollen schliesslich Beutegreifer nicht auf den Plan rufen. Es kann vorkommen, dass wir bei der pathologischen Untersuchung eines geriatrischen Tieres starke altersbedingte Veränderungen wie zum Beispiel Zahnprobleme oder Gelenksabnützungen finden. Haben wir zu spät gehandelt?


Im Gegensatz zur Situation beim Menschen, bei dem die Überalterung der Gesellschaft unzweifelhaft auch viele Herausforderungen und Probleme verursacht, geht es in Zoos wegen der zahlenmässig kleinen Zoo- und Wildtierpopulationen häufig ums Überleben der Art. Die alten Zootiere, die in der Regel weniger Nachzuchten haben, gefährden das Weiterbestehen der Art, indem sie den limitierten Platz fruchtbaren jüngeren Tieren streitig machen. Genau in diesem Dilemma der Überalterung von Arten befinden wir uns aktuell in der Europäischen Zoogemeinschaft.
Wie stark die Populationen vieler Tierarten in Zoos überaltert sind, belegt eine neue Studie unter Leitung der Universität Zürich in Zusammenarbeit mit mehreren internationalen Universitäten sowie dem Zoo Zürich und dem Zoo Kopenhagen. In dieser Studie haben internationale Forscher*innen die Altersverteilung bei 774 Säugetierpopulationen in europäischen sowie nordamerikanischen Zoos über einen Zeitraum von 53 Jahren analysiert. Unabhängig von Region, oder sonstigen Faktoren wurde festgestellt, dass in dieser Zeit der Anteil der älteren Tiere jeder Tierart zugenommen, während der Anteil junger und fortpflanzungsfähiger Tiere proportional abgenommen hat. Die Ergebnisse der Studie belegen, dass akuter Handlungsbedarf besteht, wollen Zoos und Tierparks auch zukünftig ihren dringend notwendigen Beitrag zum weltweiten Artenschutz leisten. Denn die Dringlichkeit für aktiven Artenschutz ist belegt: Laut dem IPBES-Bericht (2019) sterben weltweit bis zu 150 Arten pro Tag. In der Schweiz gelten gemäß dem Swiss Academies Report Biodiversität rund 47 % der untersuchten Arten als erhaltungsbedürftig, davon 35 % gefährdet und 12 % potenziell gefährdet.
Eine der Aufgaben des Tierpark Bern ist laut Tierparkreglement die Erhaltung bedrohter Tierarten. Wenn uns die Arterhaltung am Herzen liegt und wir unsere Aufgabe ernst nehmen, werden wir in Zukunft häufiger ältere Tiere töten müssen – ganz zum Weiterbestehen der Art, aber im Bewusstsein, dass es eine Folge des eigenen Erfolgs ist.





